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aus: Märkische Allgemeine Zeitung, 17.1.2001

Bildschirmschoner im Heimcomputer rechnen für die Wissenschaft

Von Rüdiger Vossberg

Keine Affären. Keine Parteispenden. Die "Central Process Unit" (CPU) ist das Rechenhirn von Computern; und auf Heimcomputern chronisch unterfordert. Experten schätzen, dass ein durchschnittlicher Pentium-III-Nutzer gerade einmal fünf Prozent seiner digitalen Rechenkraft ausbeutet.

Dieses brachliegende Potenzial zapften amerikanische Wissenschaftler Ende der 90er für ihre Forschungen an. "Distributed Computing", lautet der Fachbegriff und meint den Zusammenschluss hunderttausender über den gesamten Globus verteilter Computer zu einer virtuellen Gemeinschaft.

Search for Extraterrestrial Intelligence - kurz SETI - ist ein Projekt von Astronomen, die mit ihrem Radioteleskop nach außerirdischem Leben suchen. Der Klang von Milliarden von Galaxien liefert rund 35 Gigabyte Datenstoff pro Tag. Um auch die schwächsten Signale zu erkennen, bedarf es deshalb eines monströsen Supercomputers. Das Geld für solche Rechengiganten fehlte, was die Wissenschaftler auf die Idee brachte, statt eines einzigen riesigen Rechners viele kleinere Computer zu nutzen, auch wenn diese wesentlich mehr Zeit dazu benötigen. So entstand das Projekt "SETI at home".

Das Forscherteam entwickelte eine Software, um Alienfreunde aus aller Welt via Internet an der Suche zu beteiligen; den rechnenden Bildschirmschoner. Von nun an war die Zeit für sinnlose Animationen oder blubbernde Fische beendet. In den Arbeitspausen ackert der Heimcomputer für die Wissenschaft. Jedesmal wenn der Schoner anspringt, werden die Rohdaten aus dem Universum analysiert und anschließend den SETI-Forschern zurückgeschickt.

Etwa 27 Stunden Rechenzeit benötigt so ein Heimcomputer schon für ein kleines Häppchen Alienkost. Dann gibt's das nächste. Knapp 2,7 Millionen Internetnutzer beteiligen sich bereits mit ihren Computern an der Jagd nach den Außerirdischen und schufen so den stärksten Rechner der Welt: Rund 600.000 Jahre Rechenzeit spendete diese Fangemeinde der SETI-Forschung. Ruhm und Ehre gebührt denjenigen, deren CPU "lebendige Signale" aus dem kosmischen Datenstrom herausfiltern werden.

Ganz irdische Ziele verfolgen die Macher von MoneyBee. Es funktioniert nach einem ganz ähnlichen Muster wie SETI, soll aber Aktien prognostizieren. Das Analyseprogramm berechnet aus den Zahlenkolonnen der Vergangenheit Tendenzen für die Zukunft. "Dafür wird ein Programm benützt, das in der Lage ist, zu lernen", erklärt Till Mansmann vom Geldbienenteam. Die durchschnittliche Trefferquote liegt zur Zeit bei 60 Prozent, im Einzelfall auch schon einmal 75 Prozent. "Ein Aktiencrash lässt sich aber genau so wenig vorhersagen wie ein Meteoriteneinschlag!", bemerkt Mansmann.

MoneyBee hat seit dem Start vor vier Monaten 5100 angemeldete Nutzer, die zusammengefasst 150 000 Rechenpakete bearbeitet und dabei 120 Jahre Rechenkapazität gespendet haben. Die Gemeinde wächst: Künftig sollen auch Linuxfreunde am Börsenorakel teilhaben können. Zur Belohnung gibt es die Analyse gratis, aber ohne Garantie auf Gewinn und Reichtum.

Nicht für Kohle sondern für die Gesundheit arbeitet das Programm von Popular Power. Gegen Husten, Schnupfen, Heiserkeit kalkulieren dort die Bits und Bytes, und mehr als 10 000 Rechenhirne schuften gegen die Viren. Im wahrsten Sinne des Wortes. Die Grippeforscher erhoffen sich mit diesen globalen Ergebnissen die Impfstoffe zu verbessern. Für den Kampf gegen den Krebs hat die Firma Parabon eine Software entwickelt, die bereits auf mehr als 15 000 Computern in 75 Ländern genutzt wird. Waren es bisher nur Windowsbetriebssysteme, die diesen losen Verbund in die Rangliste der 100 stärksten Rechner der Welt brachte, sollen bald auch Linux- und Unixversionen folgen. Kommerzielle Projekte aus dem Hause Parabon verteilen leistungsintensive Berechnungen der Pharmaforschung, Luftfahrt- oder Biotechnik auf viele tausend kleine Pakete und beliefern damit die CPU-Spender in aller Welt. Vielleicht wird dabei der eine oder andere Internet-Nutzer mit seinem Heimcomputer sogar noch ein paar Mark - bzw. Euro - machen können.

Weitere Informationen:
http://setiathome.berkeley.edu/
www.moneybee.de
www.popularpower.com
www.parabon.com

 
 
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